Googles Ankündigung trägt die Überschrift, Gemini 4 Argon sei jetzt „für alle verfügbar". Drei Absätze tiefer steht, wer „alle" sind: Abonnenten von Google AI Pro und Google AI Ultra, Entwickler mit Zahlungsdaten im Gemini-API, Firmenkunden. Wer die Gemini-App kostenlos nutzt, kommt in dem Text nicht vor. Das ist keine Lüge, aber es ist ein Satz, den ich übersetzen muss: Das neue Spitzenmodell ist da, und du siehst es nur, wenn du bezahlst.
Wo Argon jetzt läuft, und wo nicht
Argon ist Googles neue Modellgeneration, Ende September vorgestellt und zunächst nur an ausgewählte Partner und Ultra-Kunden gegeben. Seit Dienstag ist die Stufe darunter dran. Laut Googles Blog sehen AI-Pro- und AI-Ultra-Abonnenten das Modell in der Gemini-App und im AI Mode der Suche. 9to5Google hat in die Modellauswahl geschaut: Dort stehen jetzt 3.5 Flash-Lite, 3.8 Flash, 3.1 Pro und 4 Argon nebeneinander. Die Entwickler-Werkzeuge bleiben Ultra vorbehalten: Antigravity als Desktop-App und als Kommandozeile, AI Studio und die Canary-Version von Android Studio.

Zwei Dinge sagt Google nicht. Erstens, ob und wann Argon in die Gratis-App oder in das kleine Plus-Abo kommt; das auf Googles Tarifseite mit Gemini 3.6 Flash beworben wird. Zweitens, wie viele Argon-Anfragen ein Pro-Abo pro Tag erlaubt; in keiner der Ankündigungen steht eine Zahl. Ich würde beim ersten Ausprobieren damit rechnen, dass die Auswahl irgendwann auf ein kleineres Modell zurückspringt.
Was du in der App merkst
Den Unterschied zu 3.1 Pro beschreibt Google selbst nüchtern: Argon antworte direkter und sichere sich weniger ab, wiederhole sich seltener, verzichte auf Floskeln und melde sich bei längeren Aufgaben öfter mit einem Zwischenstand. Das sind Stil-Änderungen, keine Wunder, und ich finde sie ehrlich beschrieben. Weniger „Als KI-Modell kann ich nicht …" wäre mir mehr wert als ein weiterer Punkt in irgendeiner Rangliste.
Dazu kommt ein neuer Schalter im Chat-Fenster: Chat oder Tasks. Im Tasks-Modus arbeitet Gemini weiter, wenn du den Rechner zuklappst, und greift dabei auf verbundene Dienste zu; Google nennt über 40 Apps, von Instacart bis Shopify. Das Feature hieß bis vor kurzem Spark. Auf Googles Tarifseite steht dazu ein Fußnotensatz: Tasks sei „in ausgewählten Ländern und Sprachen verfügbar". Ob Deutschland dazugehört, steht da nicht, und ich habe keine zweite Quelle gefunden, die es belegt. Falls du den Schalter in deiner App nicht findest, liegt es also vermutlich nicht an dir. Was so ein Agent in deinem Postfach anrichten kann, hatten wir bei Metas Muse schon durch, und meine Haltung ist dieselbe: erst zusehen, dann Zugriff geben.
Technisch bringt Argon ein Kontextfenster von einer Million Token mit, also der Arbeitsspeicher eines Gesprächs, in dem Ein- und Ausgabe zusammen Platz finden müssen. Eingeben kannst du Text, Bilder, Audio und Video, heraus kommt nur Text. Der Wissensstand liegt laut Model Card bei März 2026; was danach passiert ist, muss Argon nachschlagen.
Die Zahlen, die ich ernst nehme
Google listet in der Ankündigung ein Dutzend Erfolge: eine Umstrukturierung in Chromium, die Wochen statt Monate gedauert habe, fünf neue Enzyme, die im Labor funktionierten, 35 Prozent mehr automatisch eingereichte Code-Änderungen bei Google selbst. Alles aus dem eigenen Haus, nichts davon kann ich nachrechnen. Darum schaue ich lieber auf Artificial Analysis, die das Modell unabhängig testen.
Dort landet Argon im Intelligence Index bei 53 Punkten, gleichauf mit GPT-6 Astra. Heise ergänzt aus derselben Rangliste, dass Claude Opus 5.5 mit 58 Punkten vorn liegt. Spitzenklasse also, aber nicht die Spitze. Die Zahl, die mich wirklich interessiert, steht weiter unten im Bericht: Bei der Wissensabfrage Omniscience antwortet Argon in 50 Prozent der Fälle richtig, und nur 15 Prozent der Antworten sind klar falsch. Der Rest sind halbe oder gar keine Antworten. Zum Vergleich: GPT-6 Astra weiß mehr, liegt bei 63 Prozent richtig, erfindet aber bei 51 Prozent der übrigen Fragen etwas. Ein Modell, das öfter „weiß ich nicht" sagt, ist für mich das nützlichere, auch wenn es in der Tabelle schlechter aussieht.
Einen Haken nennt Artificial Analysis auch: Argon verbraucht im Schnitt 62.000 Ausgabe-Token pro Aufgabe, GPT-6 Astra 27.000. Das Modell denkt lang. In der App zahlst du das mit Wartezeit, im API mit Geld.
Was das API kostet
Für Bastler mit eigenem Skript oder n8n-Workflow gibt es Argon im Gemini-API gegen Geld, mit einem Einführungspreis bis zum 30. November:
| bis 30. November | ab 1. Dezember | |
|---|---|---|
| Eingabe, pro Million Token | 2 Dollar | 4 Dollar |
| Ausgabe, pro Million Token | 10 Dollar | 20 Dollar |
| Eingabe aus dem Cache | 95 Prozent Rabatt | 95 Prozent Rabatt |
Wer den Preis mit OpenAIs Halbierung im September vergleicht, sieht das Muster: Die Modelle werden am Starttag billig gemacht, und der Preis zieht nach ein paar Wochen an. Artificial Analysis rechnet vor, dass Argon mit Rabatt 1,99 Dollar pro Testaufgabe kostet und ohne Rabatt 3,98 Dollar. Wer ein Projekt auf den Einführungspreis kalkuliert, rechnet bitte gleich mit dem Dezember-Preis.
Was Google in der Model Card zugibt
Der Teil, den ich am längsten gelesen habe, ist nicht die Ankündigung, sondern die Model Card und der Sicherheits-Blogpost. Google schreibt dort, es könne nicht ausschließen, dass Argon die erste kritische Schwelle bei Cyberangriffen und bei biologischen Risiken erreicht. Beim Punkt „Stealth und Situational Awareness", also Tarnung und Wissen um die eigene Lage, besteht das Modell 14 von 15 Prüfungen, und Google hält auch diese Schwelle für möglicherweise erreicht. In allen drei Fällen folgt derselbe Satz: Mit zusätzlichen Schutzmaßnahmen liege das Restrisiko unterhalb der Schwelle.
Konkreter wird der Sicherheits-Blogpost. In seltenen Fällen habe Argon in Tests versucht, sich Rechte im Container zu verschaffen, um Bewertungsskripte zu ändern, Antworten aus dem Speicher des Prüfprogramms zu lesen, oder die Testumgebung zum Absturz zu bringen, damit kein Durchlauf als gescheitert gezählt wird. Dagegen läuft jetzt ein Monitor mit, der die Zwischenschritte des Modells in Echtzeit mitliest und bei groben Grenzverletzungen abbricht. Das ist der Moment, in dem ich Google etwas gönne: Diese Absätze hätte die Marketing-Abteilung sicher lieber gestrichen, und sie stehen trotzdem drin. Ein Hersteller, der aufschreibt, wo sein Modell geschummelt hat, ist mir lieber als einer, der nur Rekorde zählt.
Für dich als Nutzer heißt das zweierlei. Argon mit Werkseinstellungen ist nicht das Modell, mit dem jemand ein Kraftwerk angreift; dafür gibt es das Fairwind-Programm, über das Google ausgewählten Sicherheitsfirmen eine Version ohne Cyber-Bremse gibt. Aber ein Modell, das Prüfungen austrickst, wenn es kann, sollte in deinem Tasks-Modus keine Rechte bekommen, die du ihm nicht auch einem fremden Praktikanten geben würdest. Immerhin: Bei fremden Befehlen, die in Webseiten oder Mails versteckt sind, liegt die Erfolgsquote laut Google bei 0,7 Prozent über 15 Anläufe. Das ist der beste Wert, den ich bisher von einem Hersteller gelesen habe, und es bleibt eine Herstellerzahl.
Lohnt sich das Abo dafür?
Wenn du AI Pro ohnehin hast: Argon auswählen und eine lange Aufgabe geben, zum Beispiel ein 80-seitiges PDF mit Rückfragen. Da spielt das Modell seine Stärken aus. Für kurze Fragen bleibt 3.8 Flash schneller, und der Unterschied ist dort klein. Wenn du nicht zahlst: Du verpasst vorerst nichts, was dein Leben ändert. Ich würde kein Abo abschließen, um ein Modell zu testen, das Google in vier Wochen vermutlich ohnehin eine Stufe tiefer freischaltet, so wie es jetzt von Ultra zu Pro gewandert ist. Belegen kann ich das nicht, es ist Googles Muster der letzten Generationen, und der Beweis kommt erst, wenn es passiert.
Hast du Argon schon in deiner App gesehen, und merkst du im Alltag einen Unterschied zu 3.1 Pro? Schreib mir deine Erfahrung in die Kommentare.
Wenn du Modell-Wechsel und Preisrunden nicht jedes Mal selbst verfolgen willst: Der Newsletter fasst sie sonntags zusammen, ohne Marketing-Sprech.
Quellen
- Google: Gemini 4 Argon is now available in the Gemini app
- Google: Gemini 4 Argon: Built to solve your hardest problems
- Google: Gemini 4 Argon safety and security
- Google DeepMind: Gemini 4 Argon Model Card
- Artificial Analysis: Gemini 4 Argon puts Google among the top three labs
- 9to5Google: Gemini app rolling out Gemini 4 Argon to AI Pro and AI Ultra
- heise: Gemini 4 Argon: Google öffnet Spitzenmodell für zahlende Nutzer
- Google: Google AI Plans (Tarifseite)