Google Fotos ist bequem, keine Frage. Aber irgendwann kommt der Moment: Die 15 kostenlosen Gigabyte sind voll, und Google hält freundlich die Hand auf. Dabei sind deine Fotos ziemlich sicher das Persönlichste, was du überhaupt in einer Cloud liegen hast — zehn Jahre Urlaube, Kinder, Katzen, peinliche Frisuren. Genau das Zeug, das man vielleicht nicht dauerhaft bei einem Werbekonzern parken muss.

Die gute Nachricht: Es gibt einen Ausweg, und der heißt Immich. Quelloffen, läuft auf deinem eigenen Server, hat richtig gute Apps für Android und iOS, automatisches Handy-Backup, Gesichtserkennung, Suche — das volle Programm, nur eben bei dir zu Hause. Der Knackpunkt ist dabei gar nicht die Installation. Der Knackpunkt ist der Umzug: deine komplette Bibliothek samt Alben, Aufnahmedaten und Orten heil rüberzubekommen. Genau das machen wir heute, mit Google Takeout und dem Umzugshelfer immich-go.

Kurz gesagt: Am Ende läuft deine komplette Google-Fotos-Bibliothek inklusive Alben und Metadaten in Immich auf deinem eigenen Server, und dein Handy sichert neue Fotos automatisch dorthin. Reine Arbeitszeit: rund eine Stunde, plus Wartezeit auf Google (Stunden bis Tage). Schwierigkeit: mittel — Terminal-Grundkenntnisse reichen.
Schaubild: Der Umzug von Google Fotos zu Immich in vier Schritten — Takeout anfordern, Immich aufsetzen, immich-go füttern, prüfen und aufräumen
Der ganze Umzug auf einen Blick — die Details zu jedem Schritt kommen jetzt.

Was du brauchst

  • Einen Server oder ein NAS mit Docker samt Compose-Plugin — Immich will das moderne docker compose, das alte docker-compose wird nicht mehr unterstützt.
  • Hardware: Immich empfiehlt offiziell 4 CPU-Kerne und 8 GB RAM; mit 6 GB läuft es auch, unter 4 GB nur ohne Machine-Learning-Features.
  • Speicherplatz: mindestens so viel wie deine Google-Bibliothek, plus 10–20 Prozent Puffer für Vorschaubilder. Die Datenbank gehört auf eine lokale Platte, nicht auf eine Netzwerkfreigabe.
  • Dein Google-Konto und einen Rechner, auf den die Takeout-Archive erstmal passen.
  • Terminal-Grundkenntnisse. Wenn dein Server sowieso schon läuft, wirf vorher einen Blick auf unsere Anleitung zum SSH-Absichern — das Fundament sollte stehen, bevor da zehn Jahre Familienfotos draufliegen.

Schritt 1: Google Takeout anfordern — und zwar zuerst

Klingt komisch, mit dem Export anzufangen, bevor das Ziel überhaupt existiert. Hat aber einen simplen Grund: Google braucht für das Packen deiner Fotos je nach Menge ein paar Minuten bis mehrere Tage. Diese Wartezeit nutzen wir gleich für die Immich-Installation.

Google Takeout? Googles offizieller Datenauszug: Du bestellst eine Kopie deiner Daten, Google packt alles in Umzugskartons (ZIP-Archive) und schickt dir einen Download-Link. Der einzige offizielle Weg, alle Fotos in Originalqualität samt Metadaten aus Google Fotos herauszubekommen.

So geht's: Öffne takeout.google.com, klicke auf „Auswahl aufheben" und setze den Haken nur bei Google Fotos. Beim Dateityp wählst du .zip, bei der Größe 50 GB — so bekommst du möglichst wenige Teile. Dann Export erstellen und warten, bis der Download-Link per E-Mail kommt.

Zwei Dinge sind hier wichtig. Erstens: Lade alle Teile herunter (takeout-…-001.zip, -002.zip und so weiter) — fehlt einer, fehlen später Fotos. Zweitens: Lass die ZIPs ungeöffnet liegen. Nicht entpacken, nicht umsortieren, nichts. Unser Umzugshelfer will die Kartons originalverschlossen. Und trödel nicht zu lange: Die Links laufen nach etwa 7 Tagen ab, jeder Teil lässt sich maximal fünfmal herunterladen.

Schritt 2: Immich mit Docker Compose installieren

Während Google packt, bauen wir das neue Zuhause. Immich liefert eine fertige Compose-Datei, wir müssen sie nur holen und anpassen:

mkdir ./immich-app
cd ./immich-app
wget -O docker-compose.yml https://github.com/immich-app/immich/releases/latest/download/docker-compose.yml
wget -O .env https://github.com/immich-app/immich/releases/latest/download/example.env

Jetzt öffnest du die .env mit einem Editor deiner Wahl und passt drei Dinge an:

# Wohin die Fotos sollen — Ordner mit reichlich Platz
UPLOAD_LOCATION=/mnt/fotos/immich-library

# Datenbank-Passwort: NUR Buchstaben und Zahlen, keine Sonderzeichen
DB_PASSWORD=EinLangesZufaelligesPasswort123

# Zeitzone: Kommentarzeichen entfernen und setzen
TZ=Europe/Berlin

Der Rest der Datei kann bleiben, wie er ist. Dann der Startschuss:

docker compose up -d

Docker zieht jetzt vier Container: den Immich-Server, das Machine-Learning-Modul (für Gesichter und Suche), Valkey und eine Postgres-Datenbank. Danach erreichst du Immich im Browser unter http://<server-ip>:2283. Beim ersten Aufruf legst du dein Admin-Konto an — und stehst vor einer wunderschön leeren Bibliothek.

Schritt 3: API-Schlüssel für den Import erstellen

Damit immich-go gleich in deinem Namen hochladen darf, braucht es einen API-Schlüssel. In der Immich-Weboberfläche klickst du oben rechts auf dein Profilbild, dann Kontoeinstellungen → API-Schlüssel → Neuer API-Schlüssel. Immich fragt dich, welche Berechtigungen der Schlüssel bekommen soll — für den Umzug im Heimnetz kannst du schlicht alle anhaken; die Minimal-Liste steht in der immich-go-Doku. Den Schlüssel kopierst du dir irgendwohin, wo du ihn gleich wiederfindest. Nach dem Umzug darfst du ihn übrigens gern wieder löschen.

API-Schlüssel? Ein Zugangscode für Programme statt Menschen: Damit darf ein Werkzeug wie immich-go in deinem Namen mit dem Server reden, ohne dein Passwort zu kennen — und du kannst ihm den Zugang jederzeit wieder entziehen.

Schritt 4: immich-go installieren

immich-go ist ein kleines Kommandozeilen-Werkzeug (community-gepflegt, aber von der Immich-Doku selbst empfohlen), das genau ein Problem großartig löst: Google-Takeout-Archive sauber in Immich importieren. Es ist eine einzelne Programmdatei, keine Installation nötig:

wget https://github.com/simulot/immich-go/releases/latest/download/immich-go_Linux_x86_64.tar.gz
tar -xzf immich-go_Linux_x86_64.tar.gz
sudo mv immich-go /usr/local/bin/

Für einen ARM-Server (Raspberry Pi & Co.) nimmst du stattdessen immich-go_Linux_arm64.tar.gz, für Windows und macOS gibt es eigene Pakete auf der Release-Seite. Wichtig: immich-go läuft auf dem Rechner, auf dem die Takeout-ZIPs liegen — das muss nicht der Server sein.

Schritt 5: Der eigentliche Umzug

Warum eigentlich dieses Extra-Werkzeug, statt die ZIPs einfach zu entpacken und per Weboberfläche hochzuladen? Weil Google beim Takeout die Metadaten von den Bildern trennt: Aufnahmedatum, Ort und Album-Zugehörigkeit stecken in separaten JSON-Dateien neben den Fotos. Lädst du nur die Bilder hoch, landen tausende Fotos ohne Datum und Alben im Nirgendwo. immich-go führt beides wieder zusammen:

Takeout-ZIPs→ Fotos + JSON-Metadaten →immich-go→ lädt per API hoch →Immich (Port 2283)

Der Import selbst ist ein einziger Befehl — Server-Adresse, API-Schlüssel und der Pfad zu deinen ZIPs:

immich-go upload from-google-photos \
  --server=http://192.168.1.50:2283 \
  --api-key=DEIN_API_KEY \
  ~/Downloads/takeout-*.zip

Das war's. immich-go liest die Archive direkt, gleicht jedes Foto mit seiner JSON-Datei ab und baut deine Alben in Immich nach. Bei großen Bibliotheken darf das gern ein paar Stunden dauern — lass es einfach laufen. Bricht die Verbindung zwischendurch ab, startest du denselben Befehl einfach nochmal: Bereits hochgeladene Fotos erkennt immich-go und überspringt sie.

Bei sehr großen Sammlungen (100.000+ Fotos) empfiehlt die immich-go-Doku zwei Zusatz-Flags: --pause-immich-jobs=true legt Immichs Hintergrundjobs während des Uploads schlafen, --session-tag markiert alle Fotos dieses Durchlaufs mit einem Tag, damit du später nachvollziehen kannst, was wann importiert wurde. Direkt nach dem Import wirkt Immich übrigens noch etwas verschlafen: Vorschaubilder, Gesichtserkennung und Suche werden im Hintergrund aufgebaut, das braucht seine Zeit.

Schritt 6: Prüfen, Handy umstellen, Google aufräumen

Bevor bei Google irgendetwas gelöscht wird: kontrollieren. Vergleich die Foto-Anzahl in Immich (Verwaltung zeigt dir die Statistik) grob mit der bei Google, klick dich stichprobenartig durch alte Alben und prüfe, ob Aufnahmedaten und Orte stimmen. Dann installierst du die Immich-App auf dem Handy, meldest dich an deinem Server an und aktivierst das automatische Backup — ab jetzt landen neue Fotos direkt bei dir statt bei Google.

Und dann der wichtigste Teil, ganz ohne Witz: Vorher war Google dein Backup, jetzt bist du es. Sichere die Immich-Bibliothek (dein UPLOAD_LOCATION-Ordner plus Datenbank) regelmäßig auf eine zweite Platte, idealerweise zusätzlich außer Haus. Die Takeout-ZIPs hebst du als Erstsicherung ebenfalls auf. Erst wenn das steht, würde ich anfangen, bei Google Speicherplatz freizuräumen.

Häufige Stolpersteine

  • „Es fehlen tausende Fotos!" — Fast immer fehlt ein Takeout-Teil. Zähl mit ls takeout-*.zip nach, ob alle Nummern da sind. Bilder, zu denen Google keine JSON-Metadaten geliefert hat, holt das Flag --include-unmatched nachträglich rein.
  • Container starten nicht sauber — Häufigster Grund: Sonderzeichen im DB_PASSWORD. Immich will dort ausdrücklich nur A–Z, a–z und 0–9.
  • „docker compose: command not found" — Dein Docker ist zu alt. Immich braucht das Compose-Plugin (V2); das alte docker-compose mit Bindestrich wird nicht mehr unterstützt.
  • Import abgebrochen — Kein Drama: gleichen Befehl erneut ausführen, immich-go überspringt alles, was schon da ist. Nur ZIP- und TGZ-Archive solltest du nie im selben Durchlauf mischen.

Fazit

Der Umzug von Google Fotos war lange die größte Hürde beim Ent-Googeln — heute ist er dank Takeout und immich-go erstaunlich zivilisiert. Die Arbeit steckt nicht im Klicken, sondern im Warten: auf Google, auf den Upload, auf die Gesichtserkennung. Dafür gehört dir danach wieder, was dir sowieso gehören sollte.

Meine Einschätzung: Wenn dein Google-Speicher voll ist und du sowieso einen Server im Keller hast, gibt es kaum einen lohnenderen Self-Hosting-Schritt als diesen. Immich ist mit Version 3 erwachsen geworden und muss sich vor Google Fotos funktional nicht verstecken. Ehrlich bleiben muss man bei der Verantwortung: Ohne eigene Backup-Routine ist der Umzug kein Fortschritt, sondern ein Risiko. Wer seine Fotos nirgendwo doppelt hat, sollte zuerst das Backup-Thema lösen und dann umziehen.

Wie hältst du es mit deinen Fotos — alles beim Cloud-Riesen, alles selbst gehostet, oder ein Hybrid aus beidem als doppelter Boden? Und wo verläuft bei dir die Grenze zwischen Komfort und Kontrolle? Schreib's in die Kommentare.

One more thing … wenn du schon beim Ausmisten bist: Deine Passwörter kannst du genauso nach Hause holen — wie, steht in unserer Anleitung zu Vaultwarden. Und damit du merkst, wenn dein neuer Foto-Server mal schwächelt, lohnt ein Blick auf Uptime Kuma.

Quellen